Ein Ausflug auf die Stieralm im Wattental beginnt mit Spannung: Der Ausgangspunkt liegt in einem militärischen Sperrgebiet. Auf einer großen Infotafel wird klar ersichtlich, wo aktuell scharf geschossen oder gesprengt wird – Lebensgefahr inklusive. Doch keine Sorge: Die Stieralm selbst befindet sich außerhalb des Gefahrenbereichs. Schon nach wenigen Gehminuten zweigt der Wanderweg von der asphaltierten Hauptstraße ab, und mit jedem Schritt wird es stiller. Bald ist sie spürbar – die besondere Ruhe und Idylle, wie sie nur eine Alm bieten kann.
Nach einem kurzen Spaziergang erreicht man den Niederleger der Stieralm. Dort begrüßt Hof- und Almhund Strizl jeden Gast zuverlässig und kündigt Besuch bei seinen Besitzern Josef und Irmgard Stöger an – bevor er sich wieder an seinem Stammplatz unter der Eckbank niederlässt. Ebenso gemütlich ist es in der Almküche, wo bei Kaffee und Kuchen in herzlicher Atmosphäre Erinnerungen geteilt und Geschichten erzählt werden.
Der letzte Stierhirte
Josef Stöger verbrachte mit 16 Jahren seinen ersten Sommer als Hirte im Wattental – zwei Jahre später übernahm er erstmals die verantwortungsvolle Aufgabe des Stierhirten. Sieben Sommer lang betreute er rund 60 Stiere aus ganz Tirol. Noch heute ist er dankbar, dass diese Zeit ohne ernsthafte Zwischenfälle verlief: „Hin und wieder versuchten manche, die Weiden der Stiere zu queren. Die bekamen dann aber schnelle Haxn und bei der Flucht gab es dann auch schon mal einen Knochenbruch“, erinnert sich Josef schmunzelnd. Er selbst begegnete den Tieren stets mit Respekt und viel Gespür. Nur selten packte ihn der Übermut und er erlaubte sich einenScherz – dann setzte er sich kurz auf den Rücken eines Stiers.
Ein Bild aus jungen Jahren, als Josef noch Stierhirte war.
1978 wurden zum letzten Mal Stiere aufgetrieben, bevor die Alm einen neuen Pächter bekam – zum großen Bedauern der Familie Stöger. Die nächsten 25 Sommer verbrachten sie auf einer Alm am Weerberg.
Rückkehr ins Wattental
2013 wurde die Stieralm erneut zur Verpachtung ausgeschrieben. Die Stögers vom Egg-Hof am Vögelsberg zögerten nicht lange und bewarben sich als Pächterfamilie – und das mit Erfolg. Die Freude über die Rückkehr ins Wattental war groß. „Für mich schließt sich so der Kreis“, betont Josef als überzeugter Wattentaler Almerer.
Schnell wurde aber auch klar ersichtlich, dass auf den rund 70 Hektar umfassenden Flächen viel Arbeit auf die Familie wartete. Ein großer Teil der Weiden war zugewachsen und musste bzw. muss nach wie vor in mühevoller Handarbeit gerodet und geschwendet werden. „Jahr für Jahr investieren wir viel Zeit und Kraft in diese Arbeiten und es ist uns seit unserer Rückkehr auf die Alm gelungen, rund vier Hektar verwildete Weidefläche wiederherzustellen“, so der tüchtige Almbauer. Dabei wird er tatkräftig von seinem guten Freund Josef Lechner von Volderwald unterstützt. Mit wie- viel Liebe die Stieralm gepflegt wird sieht man, wenn man den Blick umherschweifen lässt. Für ein gezieltes Weidemanagement sorgt die Koppelhaltung: Täglich wird der Elektrozaun versetzt, sodass die Tiere frisches Futter finden und gleichzeitig alle Flächen gleichmäßig abgegrast werden. Die Außengrenzen der Alm sind zusätzlich mit vielen Kilometern Stacheldrahtzaun eingefasst. Dieser Stacheldraht wird jährlich im Herbst von den Bewirtschaftern abmontiert, um einerseits das Wild zu schützen und andererseits zu verhindern, dass durch den Schneedruck die Zaunlatten knicken.
Routinen und Traditionen
Um 5.30 Uhr beginnt für Josef und Irmgard der Tag auf der Stieralm. Etwa 30 Milchkühe kommen relativ pünktlich Richtung Stall und werden gemolken. Nach einem kräftigen Frühstück stehen Arbeiten wie das Weiterzäunen, Wegewartung, Auskehren, Ausholzen und Schwenden auf dem Programm. Zusätzlich werden 21 Stück Jungvieh betreut, die am Hochleger ihre Sommerfrische genießen – alle zwei Tage machen sich Josef und Irmgard auf den Weg, um dort nach dem Rechten zu sehen. Am Nachmittag gönnt sich das Ehepaar eine kurze Pause – oder wie Josef es nennt: „Da chillen wir ein wenig.“ Um 16 Uhr beginnt die Abendarbeit: Kühe melken, ausmisten, Weidegang.
Untertags machen es sich die rund 30 Milchkühe im Stall gemütlich.
Eigentlich erledigen Josef und Irmgard alle Arbeiten im Doppelpack, denn seitdem die Stieralm wieder unter der Obhut von Familie Stöger steht, ist auch Irmgard vom Almauftrieb im Mai bis zum Almabtrieb im September stets an der Seite ihres Mannes. „Früher war es mir nicht so leicht möglich, viel Zeit auf der Alm zu verbringen, da auch zuhause am Hof Arbeiten zu erledigen und die Kinder zu beaufsichtigen waren“, erzählt die Mutter von vier Söhnen. Jetzt verrichtet Jungbauer Peter mit seiner Frau Theresa und den drei Kindern draußen am Vögelsberg die Arbeiten am Hof. Wann immer es notwendig ist, sind sie auch im Wattental zur Stelle, um mit anzupacken. Das gilt übrigens für die gesamte Familie, die oft und gern zur Oma und zum Opa auf die Alm fährt – und zwar nicht nur zum Arbeiten, sondern auch aus geselligen Gründen. Am 15. August wird traditionell Kirchtag gefeiert, auch das Sonnwendfeuer ist fixer Bestandteil des Almsommers – eine gute Gelegenheit, beim Schwenden angefallenes Holz zu verbrennen.
Das Weidemanagement auf der Stieralm erfolgt mittels Koppelhaltung.
Und so schließt sich der Kreis auf der Stieralm
Das größte Ereignis aber bleibt der Almabtrieb. Dann werden die Kühe festlich aufgebüschelt, und die ganze Familie ist dabei, wenn es in zwei bis drei Stunden talwärts geht – „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, wie Irmgard und Josef sagen. „Die Freude über einen gelungenen Almsommer ist groß, aber der Abschied fällt trotzdem schwer.“
Ein Leben, das erfüllt
Für Irmgard und Josef Stöger ist die Stieralm weit mehr als ein Arbeitsplatz. „Wir haben hier alles, was wir brauchen: ein Dach über dem Kopf, Wasser, Strom, Milch und Eier – und eine Ruhe, wie man sie sonst kaum noch findet“, sagen beide überzeugt. Und fügen schmunzelnd hinzu: „Wir brauchen kein Griechenland, kein Ägypten – unser Urlaub ist hier oben.“ Ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie wenig man manchmal benötigt, um ganz einfach glücklich zu sein.
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