Rund 300 Erschwernispunkte, 1.100 Meter Seehöhe und zehn Hektar steiles Grünland: Am Tschoderhof am Imsterberg wird unter Bedingungen gewirtschaftet, die wenig Spielraum lassen.
Als Brigitte Thurner 1999 den Hof von ihrem verstorbenen Vater übernahm, war die Hofstelle samt Flächen seit rund 20 Jahren nicht mehr bewirtschaftet. Die Wiesen waren verwachsen, Gebäude mussten umgebaut werden. Damit begann für die junge Familie ein privat wie wirtschaftlich forderndes Jahrzehnt. Brigitte absolvierte ihren Meister in Hauswirtschaft, ihr Mann Johann holte den landwirtschaftlichen Facharbeiter nach und schloss ebenfalls die Meisterausbildung ab. Parallel dazu wurden die vier gemeinsamen Kinder betreut, das Wohnhaus gebaut und die Felder rekultiviert. Johann arbeitete zudem Vollzeit als Elektriker. Acht Jahre dauerte es, bis sämtliche Flächen wieder nutzbar waren. „Es war fordernd – doch für uns stellte sich nicht die Frage, ob wir den Hof übernehmen wollen. Wir sind beide mit der Landwirtschaft aufgewachsen und wollten dieses Leben auch an unsere Kinder vermitteln“, blickt das Paar heute zurück.
Mit Fleiß und Teamarbeit
Die Rekultivierung und rund 850 Meter Wegbau zur Erschließung der Flächen waren die meiste Arbeit während der Wiederbelebung des Hofes. Dazu kam die Anschaffung der für die Steilhänge benötigten Eigenmechanisierung wie Mähtrac, Transporter, Motormäher sowie diverser Anbaugeräte. Parallel dazu machte Familie Thurner die bestehenden Stallgebäude in Eigenleistung schrittweise wieder nutzbar. „Generell verwenden wir unser eigenes Holz für die Instandhaltung der Gebäude, seien es Ställe oder unsere Heustadel“, so Johann Thurner. Auch hier packt die Familie mit an: Bruder Stefan und Sohn Matthäus helfen beim Holzen, die Töchter übernehmen die weitere Verarbeitung: Elisa säumt an der Säge die Holzbretter, Julia und Lorena sind für das Stapeln zuständig.
Die Felder mussten nach 20 Jahren ohne Bewirtschaftung rekultiviert werden. Die Kinder halfen von klein auf mit.
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Goldrichtige Entscheidung
In seiner Kindheit und Jugend hat Johann Thurner verschiedenste Arten der landwirtschaftlichen Betriebszweige kennengelernt. „Mein Vater hatte viele verschiedene Betriebszweige – von der Milchwirtschaft über die Stier-, Hühner- und Schweinemast bis hin zum Obst- und Gemüsebau, sogar Schafe hatten wir.“ Letztlich entschied sich die Familie am eigenen Hof dann für die Zucht von Braunen Bergschafen. Schätzen gelernt hat der Bauer die gefährdete Rasse während seiner Meisterausbildung an der LLA Imst: „Das Braune Bergschaf ist bestens an unsere Region angepasst, verfügt über gute Mutterinstinkte und ist auch für unseren Nebenerwerbsbetrieb geeignet.“
Nach den anfänglichen Schwierigkeiten – das Paar musste in ganz Tirol nach geeigneten Mutterschafen für ihre Bestandsgründung suchen – ist sich Familie Thurner heute sicher: Die Entscheidung war goldrichtig. 80 Tiere, davon 30 Mutterschafe, bildeten den Grundstock der Schafzucht am Tschoderhof. Heute hält man 60 Muttertiere, drei Zuchtwidder und produziert jährlich rund 100 Lämmer. Die Tiere werden zur Zucht genutzt, weiterverkauft oder für den Eigenbedarf geschlachtet.
Das Braune Bergschaf ist bestens an unsere Region angepasst, verfügt über gute Mutterinstinkte und ist auch für unseren Nebenerwerbsbetrieb geeignet.
Johann Thurner
Heuernte extrem
Während die Schafe aufgrund ihrer Genügsamkeit sehr flexibel in der Handhabung sind, verlangen die Bergwiesen vollen Einsatz. Im Frühjahr und Herbst beweiden die Tiere die Felder rund um den Hof. Doch im Sommer, wenn die Herde gealpt wird, muss sich die Familie voll auf die Heuarbeit konzentrieren. Jede Schönwetterperiode wird genutzt, um das Heu für den Winter einzubringen. Dieses wird anschließend zum Großteil in Heustadeln gelagert und erst bei Bedarf mit dem Schlepper in den Heuboden gebracht. Maschinelle Arbeit ist aufgrund der Hangneigung nur sehr begrenzt möglich. Zweimal im Jahr werden die Bergwiesen gemäht, wenige Flächen können auch zur Produktion von Grassilage genutzt werden.
Copyright © Thurner
Züchterfamilie: Elisa, Johann, Matthäus, Julia, Brigitte und Lorena Thurner (v.l.)
Trotz der vielen Arbeit mussten die vier Kinder nie mit anpacken – sie durften. Die älteste Tochter Elisa sieht darin auch die Stärke ihres Familienbetriebes: „Natürlich wollten auch wir als Kinder zuerst nie aufs Feld – doch sobald wir dort waren, wollten wir nicht mehr heim. Viele unserer schönsten Kindheitserinnerungen sind bei der Arbeit am Hof entstanden.“ Für Elisa ist klar: Bäuerin oder Bauer zu sein ist ein Privileg, das es zu schätzen gilt.
Sichtbarkeit in den sozialen Medien
Aus diesem Grund lässt sie auch ihre Follower auf Social Media hinter die Kulissen der Tiroler Landwirtschaft blicken: Vom Schafe scheren, Heuen und Zäunen über das Holzen bis hin zur Traditionspflege mit der Landjugend zeigt die in Vollzeit arbeitende Krankenpflegerin inzwischen bereits über 26.000 Followern auf Instagram unter „elisa.thurnaa“ ihren bäuerlichen Alltag.
„Vor etwa zehn Jahren habe ich meine Profile auf Facebook und Instagram erstellt.“ Anfangs sei es für die Familie ungewohnt gewesen, den Hof im Rampenlicht zu sehen. „Doch ich konnte auf ihre Unterstützung vertrauen.“
Copyright © Bauernzeitung
Elisa Thurner gibt in den sozialen Medien Einblick in den Alltag am Bergbauernhof.
Bauernkinder sollten stolz auf ihre Wurzeln sein und das Hofleben wertschätzen.
Elisa Thurner
Neben der Bewusstseinsbildung für die Berglandwirtschaft sind Elisa Thurner zwei Botschaften besonders wichtig: „Bauernkinder sollten stolz auf ihre Wurzeln sein und das Hofleben wertschätzen. Und auch als Jungbäuerin braucht man sich nicht verstecken oder vor ‚Männerarbeit‘ scheuen – es gibt genügend Mädchen, die tüchtiger anpacken können als mancher Bauernbub.“
Sobald der Sommer ansteht, wird Elisa wieder über die Heuarbeit berichten. Und vielleicht auch über einen Moment, der am Tschoderhof Tradition hat: Einmal im Jahr, nach abgeschlossener Heuernte, übernachtet die Familie gemeinsam im Heustadel. Es wird gejausnet, geredet und im frisch eingebrachten Heu geschlafen – mit dem ruhigen Gefühl, gemeinsam etwas geschafft zu haben.
Betriebsspiegel
Der Tschoderhof von Familie Thurner liegt auf 1.100 Metern Seehöhe am Imsterberg (Tirol, Bezirk Imst). Rund 150 Schafe der gefährdeten Rasse „Braunes Bergschaf“ werden von Johann und Brigitte Thurner mit ihren vier Kindern Elisa, Julia, Lorena und Matthäus gehalten. Zum Betrieb gehören rund zehn Hektar Grünland (inkl. Pachtflächen), großteils in Steillagen, sowie ein Hektar Wald.
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