Die Landwirtschaft ist nicht nur ein Wirtschaftszweig Kenias, sie ist das fundamentale Rückgrat der ostafrikanischen Nation. Der Sektor trägt direkt und indirekt rund 42 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und sichert in den ländlichen Regionen die Existenzgrundlage für Millionen Menschen. Das Land am Äquator ist der drittgrößte Teeproduzent der Welt (nach China und Indien) und einer der wichtigsten Versorger für den europäischen Zierpflanzenmarkt.
Doch die beeindruckenden Zahlen verdecken oft die harten Herausforderungen auf Betriebsebene. Wer die Praxis im kenianischen Hochland betrachtet, findet ein zweigeteiltes Bild: Auf der einen Seite steht der traditionelle Anbau von Kleinbauern, die unter dem Diktat der Weltmarktpreise leiden. Auf der anderen Seite stehen investitionsfreudige Unternehmer, die durch Diversifizierung und Nischenprodukte neue Märkte erschließen.
Tee: Handarbeit am Hang unter Kostendruck
Die Fahrt aus der Hauptstadt Nairobi hinauf in das Limuru-Hochland führt in eine andere Klimazone. Auf über 2.300 Metern Seehöhe ist die Luft dünn und kühl – ideale Bedingungen für die Teepflanze. Hier liegt die Geoffrey Mwangi Farm der Familie Kamau. Der Betrieb umfasst etwa neun Hektar Land, wovon sechs Hektar für den Teeanbau genutzt werden. Geführt wird der Hof von drei jungen Frauen – Janice, Ivy und Wendy –, die immer mehr die Geschäfte ihrer Großmutter Rosemary (87) übernehmen.
In dieser Größenordnung handelt es sich in Kenia um einen klassischen Kleinbetrieb. Die Bewirtschaftung erfolgt rein manuell, da die steilen Hänge keinen Maschineneinsatz zulassen. In der Hochsaison beschäftigt die Familie bis zu 20 Pflücker im Akkord. Dabei gilt strikt die Qualitätsregel „Two leaves and a bud“. Das bedeutet, nur die zwei jüngsten Blätter und die Knospe werden geerntet. Diese Selektion ist entscheidend für den späteren Preis. An Spitzentagen holt das Team gemeinsam bis zu eine Tonne grünes Blattgut von den Hängen.
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Nur 24 Stunden dürfen zwischen Ernte und Verarbeitung in der Fabrik vergehen.
„Das Klima hat sich gegen uns gewendet“
Im Gespräch wird deutlich, dass die etablierte Teewirtschaft durchaus agronomische Herausforderungen mit sich bringt. „Tee ist ein Geduldsspiel“, erklärt Janice. „Die Pflanzen brauchen drei Jahre bis zur ersten Ernte.“ Doch diese Geduld wird immer mehr auf die Probe gestellt. „Früher konnten wir pro Teestrauch mit etwa 2,5 Kilogramm grünen Blättern im Jahr rechnen“, berichten die Frauen. „Heute liegt der Ertrag eher bei 1,9 Kilogramm.“ Die Gründe sind verschobene Regenzeiten und längere Trockenphasen. Hinzu kommen Schädlinge wie der Wurzelpilz Armillaria und Wildtiere: „Stachelschweine fressen an den Wurzeln“, klagen die Landwirtinnen.
Auch die ökonomische Situation ist angespannt. Der monatliche Basispreis der Genossenschaften liegt oft bei etwa 24 Kenia-Schilling pro Kilogramm grüner Blätter – umgerechnet kaum 17 Eurocent. Zwar gibt es am Jahresende oft Boni, doch die laufende Liquidität zu sichern, ist ein ständiger Kampf.
Industrielle Veredelung zum schwarzen Gold
Nur 15 Autominuten von der Farm entfernt liegt die Ngorongo Tea Factory im Kiambu County. Teeblätter müssen zum Schutz der Qualität spätestens 24 Stunden nach dem Pflücken verarbeitet werden. Die Fabrik, im Besitz der fünften Generation, verarbeitet täglich rund 75.000 Kilogramm grüne Blätter von 223 umliegenden Farmern. Der Prozess folgt der CTC-Methode (Crush, Tear, Curl), dem weltweiten Standard für kräftige Schwarztees.
Alles ist streng getaktet: Nach dem Welken und Rollen folgt die Fermentation für zwei bis drei Stunden. Anschließend wird der Tee bei einer Anfangstemperatur von rund 90 °C getrocknet. Das Verhältnis von Rohware zu Endprodukt verdeutlicht den Veredelungsaufwand: Man benötigt 4,5 Kilogramm frische grüne Blätter, um ein einziges Kilogramm fertigen schwarzen Tee herzustellen. Mehr als 80 Prozent der Produktion gehen in den Export. Zertifikate wie ISO 22000 oder Rainforest Alliance sind dabei die zwingende Eintrittskarte in den Weltmarkt.
Avocado: „Die beste Investition unseres Lebens“
Während viele Teebauern in der Tradition verhaftet bleiben, suchen andere aktiv nach lukrativeren Alternativen. In Maragua (Murang’a County) haben John Mwaura, ein ehemaliger Botschafter, und seine Frau Grace Kanini den Mut zum Wandel bewiesen. Sie bewirtschaften die Mwaura Farm.
Der 20-Hektar-Betrieb war ursprünglich als Altersruhesitz gedacht. „Wir hatten keine Ahnung, dass dieses Land einmal die beste Investition unseres Lebens werden würde“, erinnert sich John Mwaura. Nach Verlusten mit Bananen und Bohnen brachte Grace Kaninis Intuition die Wende: Sie pflanzte Avocado-Bäume. „Unsere Arbeiter sagten uns immer wieder: Diese Bäume sind das Geld der Zukunft“, erzählt sie.
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Avocado-Plantagen stellen für Farmer eine lukrative Alternative dar.
So wenig Chemie wie möglich
2018 stellte der Betrieb um. Heute stehen auf gut zehn Hektar rund 2.500 Bäume der Exportsorte „Hass“, die verbliebenen zehn Hektar sind mit Macadamia-Nüssen bepflanzt. Die Sorte „Hass“ ist aufgrund ihrer robusten Schale ideal für den Export. Ein siebenjähriger Baum liefert hier etwa 100 Kilogramm Früchte pro Jahr.
Der Betrieb setzt auf nachhaltige Anbaumethoden. Das Ziel ist es, chemische Pflanzenschutzmittel auf ein absolutes Minimum zu reduzieren und nur dort einzusetzen, wo es unbedingt notwendig ist. „Wir wollen in Harmonie mit unserem Land leben“, betont Grace Kanini. Priorität haben biologische Methoden: Fallen aus reifen Bananen, Zucker und etwas Spülmittel locken Schädlinge an, um den Befallsdruck auf natürliche Weise zu senken. Mit Preisen um die 120 Kenia-Schilling (ca. 85 Eurocent) pro Kilogramm ist die Avocado derzeit deutlich lukrativer als Tee. Die Mwauras planen nun den Einstieg in die Öl-Extraktion, um noch mehr Wertschöpfung im Betrieb zu halten.
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Anders als in der EU dürfen an Soldatenfliegen in Kenia Abfälle verfüttert werden.
Österreichische Wurzeln am Naivasha-See
Einen Einblick in den hochprofessionellen Zierpflanzensektor bietet der Betrieb von Peter Szapary am Naivasha-See. Der gebürtige Waldviertler (Dobersberg/Thaya) kam vor rund 30 Jahren nach Kenia und betreibt heute das Unternehmen „Wildfire Flowers“ mit 44 Hektar Produktionsfläche – neun Hektar Rosen in Gewächshäusern sowie 25 Hektar Bewirtschaftung auf freier Fläche und rund 740 Mitarbeitern. Szaparys Geschichte zeigt, wie eng der globale Markt getaktet ist. Das Geschäft mit Standardrosen ist knallhart: Seit 2020 sind die Erzeugerpreise praktisch nicht gestiegen (ca. 8 bis 8,5 Eurocent für eine 40-cm-Rose), während die Produktionskosten um 40 Prozent explodierten.
Szaparys Antwort ist die Flucht in die Qualität. „Wir wollen uns von einem kleinen Supermarkt zu einem Feinkostladen wandeln“, beschreibt er seine Strategie. Statt auf Massenware setzt er auf Nischenprodukte: Sprayrosen in sechs Farben, Johanniskraut (Hypericum) und Schleierkraut (Gypsophila). Für Sprayrosen zahlt der Markt zwar mehr, allerdings ist der Flächenertrag geringer.
Produktionstechnisch setzt der gebürtige Waldviertler auf Innovation. Der Betrieb arbeitet CO2-neutral, 90 Prozent der Energie stammen aus Geothermie und Photovoltaik. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Bodengesundheit: Szapary nutzt Wurmkompost („Vermi-Culture“) zur Düngung und stellt eigene Pflanzenkohle („Biochar“) her, um Kokosfasern im Substrat zu ersetzen.
„Der Markt interessiert sich kaum dafür, ob wir CO2-neutral sind, es macht keinen Preisunterschied“, sagt Szapary pragmatisch. „Aber es ist unser Weg.“ Die Logistik ist strikt geplant: Binnen 30 Minuten nach dem Schnitt müssen die Blumen in die Kühlung. Maximal fünf Tage später werden sie unter anderem in Supermärkten verkauft sowie auch bei Floristen und in Blumengeschäften.
Zurück in Nairobi zeigt sich, wie erfinderisch der Sektor auf Engpässe reagiert. Ein drängendes Problem für Viehhalter sind die Futterkosten, die sich in zehn Jahren für Soja und Mais fast verdreifacht haben.
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Auf neun Hektar Gewächshaus- und 44 Hektar Freifläche erzeugt Peter Szapary mit 740 Mitarbeitern Schnittblumen.
Innovative Futterquellen aus Kreislaufwirtschaft
Das Unternehmen „Protein Masters“ verfolgt einen Lösungsansatz mittels Kreislaufwirtschaft: die Zucht der Schwarzen Soldatenfliege (Black Soldier Fly). „Vieles im traditionellen Tierfutter besteht aus Mais oder Soja, was teuer ist“, erklärt Geschäftsführer Fredrick Kim.
Die Larven der Fliege verwerten organische Abfälle aus Haushalten und Märkten. Sie wandeln diesen „Müll“ in hochwertiges Insektenprotein um. Laut Kim können Landwirte so bis zu 60 Prozent ihrer Futterkosten einsparen. Als Nebenprodukt entsteht organischer Dünger. Es ist ein Beispiel dafür, wie aus der Not heraus innovative Konzepte entstehen.
Die Reise durch die kenianische Landwirtschaft hinterlässt einen tiefen Eindruck von Resilienz. Der Sektor ist weit diversifizierter, als er es in der Außenwirkung vermuten lässt. Während der traditionelle Teeanbau mit den direkten Folgen des Klimawandels konfrontiert ist, bieten Veredelung und der Umstieg auf Exportfrüchte Chancen für jene, die investieren können. Gemeinsam ist allen Betrieben der Zwang zur ständigen Anpassung, um am Weltmarkt bestehen zu können.
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Die Larven sparen Viehhaltern bis zu 60 Prozent der Futterkosten.
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