Die Hofübergabe: Warum gute Beratung entscheidend ist
Im dritten Teil der Serie „Hofübergabe und Hofübernahme“ erläutert LK-Berater Werner Ruppnig, warum Respekt, Vertrauen, Offenheit und Geduld entscheidend sind, damit die Übergabe eines landwirtschaftlichen Betriebes für alle Generationen erfolgreich verläuft.
Die Hofübergabe ist ein Schlüsselereignis im bäuerlichen Leben. Es geht nicht nur um den Fortbestand des Betriebes, um zukünftige Rechte und Pflichten, sondern vor allem um die Übergabe eines Lebenswerkes. Sehr hilfreich ist es laut Werner Ruppnig, psychosozialer Berater der LK Kärnten, das Thema so früh wie möglich mit allen Beteiligten anzusprechen, idealerweise ein bis drei Jahre vor der geplanten Übergabe. Zumindest am Anfang und vor der Finalisierung rät er außerdem, sich von professionellen Experten begleiten zu lassen. Denn Beratung von neutraler Seite könne im laufenden Prozess hilfreich sein, um alle Fragen gemeinsam zu bearbeiten.
Solche sind beispielsweise: Wer übernimmt den Hof? Wie ist der Betrieb zum Zeitpunkt der Übergabe wirtschaftlich aufgestellt, gibt es Überlegungen zur Neuausrichtung? Welche Vorstellungen haben die Übergeber? Wie gestaltet sich das zukünftige Leben der Übergeber? Schon die scheinbar einfache Frage nach dem „Wer“ kann bereits Konfliktpotenzial in sich bergen. „Drei Kinder, alle fähig, alle interessiert, aber wer soll übernehmen?“, beschreibt Ruppnig eine oft gehörte Ausgangssituation.
Vertrauen statt Fatalismus
Ein häufiger Fehler ist laut Ruppnig, dass Familien „unterschätzen, was auf sie zukommt“. Die Haltung „Das wird schon irgendwie funktionieren“ bezeichnet er als fatalistisch. Vertrauen und die Dinge beim Namen zu nennen seien entscheidend: „Vertrauen ist essenziell, denn man entscheidet sich bewusst für eines der Kinder.“ Anspruchsvoll ist auch die Variante der Übergabe an Außenstehende. Dazu gehöre auch die Bereitschaft, neue Ideen zuzulassen: „Wenn der Übernehmer den Betrieb umstellen möchte, ist das vielfach eine sinnvolle, gar notwendige Entscheidung. Neue Ideen sollten vorher gemeinsam besprochen und dann umgesetzt werden. Manchmal stehen dem jedoch die Entbehrungen der Übergebergeneration entgegen: „Warum sollst du es leichter haben? Ich habe es auch schwer gehabt und oft lange warten müssen, um meine Vorstellungen umsetzen zu können“, berichtet er aus der Praxis.
Verzicht trifft auf neue Ansprüche
Viele Konflikte haben ihren Ursprung in den individuellen Lebensgeschichten von Altbauern und jungen Hofübernehmern. Früher war das Leben der Bauern strikt vorgegeben: „Hof, Arbeit, Verzicht“. Heute bringt die nachfolgende Generation selbstbewusst eine umfassende Ausbildung, neue Perspektiven und eigene Vorstellungen mit: „Ich will Bauer sein, möchte aber mein Leben nicht ausschließlich dem Betrieb widmen, sondern auch Zeit für die Beziehung, Weiterbildung, Kinder und auch für mich selbst einfordern“, fasst Ruppnig zusammen.
Demgegenüber steht die ältere Generation mit ihrer Biografie des Verzichts: „Als ich Anfang 20 auf den Hof kam, hatte ich ähnliche Vorstellungen. Aber nach einem Monat am Hof musste ich sie bereits aufgeben und mich unterordnen“, zitiert er typische Rückmeldungen. Seine Aufgabe als Berater sieht Ruppnig darin, diese unterschiedlichen Erfahrungen sichtbar zu machen und vor allem gegenseitiges wertschätzendes Verständnis zu entwickeln.
Wirtschaftliche Transparenz
Neben der menschlichen Komponente sei ein klarer Blick auf die wirtschaftliche Situation des Betriebes unabdingbar: „Es ist sinnvoll, die wirtschaftliche Lage des Hofes vor der Übergabe umfassend zu evaluieren“, erklärt Ruppnig. Dazu gehören:
Schuldenstand klären,
Betriebsergebnisse bewerten,
Investitionsbedarf prüfen und
verschiedene Strategien für zukünftige betriebliche Ausrichtungen durchdenken.
Eher kritisch sei die Strategie, betriebliche Schwächen oder nicht fundierte betriebliche Konzepte durch voreilige Anschaffungen, Investitionen oder Kredite auszugleichen. „Hohe Investitionen, die mit weiteren Krediten verbunden sind, sollten sehr sorgfältig abgewogen werden“, sagt er. Neue Kredite seien oft erst zum Zeitpunkt der eigenen Hofübergabe, also nach etlichen Jahren abgetragen, warnt er. Laufend notwendige betriebliche Erneuerungen und Investitionen sind dabei meistens noch nicht berücksichtigt.
Ebenso empfiehlt Ruppnig ein Risikomanagement beziehungsweise einen Plan B für unvorhergesehene Ereignisse im Betrieb: Wer steht im Stall, wer macht die Arbeit, wenn der Übernehmer erkrankt, verunfallt oder gar ganz ausfällt? Das alles sind Dinge, die im Übergabeprozess offen besprochen werden sollen, so Ruppnig.
Wenn der Übernehmer den Betrieb umstellen möchte, ist das vielfach eine sinnvolle, gar notwendige Entscheidung. Neue Ideen sollten vorher gemeinsam besprochen und dann umgesetzt werden.
Werner Ruppnig
Psychosozialer Berater der LK Kärnten
Übergabevertrag und Ausgedinge
Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind klar vorgegeben: Muster und Checklisten für Übergabeverträge liegen bei den Landwirtschaftskammern auf. Erbrecht und Erbhofgesetz(e) definieren den rechtlichen Rahmen. Dennoch warnt er davor, sich ausschließlich auf den Übergabevertrag zu verlassen: „Man kann 30 Seiten in einen Übergabevertrag schreiben und diese können genauso Anlass für Streit danach bieten.“ Das „Ausgedinge“, also die Ansprüche und Rechte der Übergeber, sollte realistisch eingeschätzt, offen und ehrlich besprochen werden. Erst nach gütlicher Einigung bei diesen Punkten sollte der Weg zum Notar erfolgen.
Realistische Planung bei Neuerungen
Wenn junge Übernehmer neue Wege einschlagen wollen, sei es Bioumstellung, Gemüsebau statt Tierhaltung oder den Aufbau einer Direktvermarktung, empfiehlt Ruppnig einen strukturierten Fahrplan: Zuerst prüfen, ob die Betriebsstruktur die Umstellung zulässt, dann die Betriebsdaten kalkulieren, den Investitionsbedarf ermitteln und die hierfür benötigten personellen Ressourcen bedenken. Diese Ergebnisse sollten transparent auf den Tisch gelegt und gemeinsam besprochen werden. Hier bietet die LK professionelle Beratung an. „Konflikte dabei lassen sich nie vollständig ausschließen“, so Ruppnig. Häufig gehe es auch um Scham der Eltern, die eingestehen müssten, „dass sie über solche Schritte nie nachgedacht haben“ oder zu lange an einem bestehenden Konzept festhielten. Die Aufgabe der jüngeren Generation ist es, diese Scham zu entschärfen und anzubieten, die Übergeber aktiv in Neuerungen am Hof einzubinden.
Vertrauen ist essenziell, denn man entscheidet sich bewusst für eines der Kinder.
Werner Ruppnig
Psychosozialer Berater der LK Kärnten
Fließender Übergang über Pacht
Als Variante erfolgt die Übergabe stufenweise, beispielsweise über eine Pachtphase, in der Jung und Alt bereits gemeinsam Verantwortung tragen. „Der neue Betriebsführer kann lernen, wie Zusammenarbeit funktioniert und zumeist fundierte Erfahrung des Verpächters übernehmen“, erklärt Ruppnig. Gleichzeitig warnt er davor, die Pachtdauer zu überstrapazieren. Der Verpächter riskiert die innerliche Kündigung des Pächters, der potentielle Übernehmer resigniert und verlässt dann den Betrieb. Ein Dilemma für den Übergeber.
Auch nach der offiziellen Übergabe müsse die zukünftige Rolle der Übergeber realistisch bleiben: „Gestern ist er noch am Traktor gesessen, heute hat er unterschrieben und morgen soll er plötzlich nicht mehr im Betrieb tätig sein? Das funktioniert nicht.“ Ruppnig plädiert dafür, 30 bis 40 Jahre Erfahrung der Altbauern und Bäuerinnen wertzuschätzen und klar zu regeln, wie sie sich weiterhin nach eigenem Ermessen sinnvoll einbringen können.
Konflikte früh erkennen und Beratung nutzen
Konflikte am Hof erkennt man laut Ruppnig früh. Entscheidend sei, rechtzeitig zu reagieren. Unausgesprochene Themen führen zu „schwer lösbaren Konflikten, weil die Kränkung so groß ist“. Sein Rat: Scham überwinden und frühzeitig externe fachliche Hilfe in Anspruch nehmen. „Alle wissen Bescheid, aber niemand spricht offen darüber“ sollte allmählich der Vergangenheit angehören.
Die Beratungen der Landwirtschaftskammer werden von geschulten Fachkräften angeboten und selbstverständlich vertraulich behandelt: „Jede Beratung bleibt vertraulich.“ Gleichzeitig seien sie für bäuerliche Familien sicher leistbar: Die Erstberatung ist kostenlos, mehrstündige nachfolgende Hofberatungen der LK kostet derzeit in Kärnten „knapp unter 100 Euro pro Termin“, betont der Experte.
Gemeinsam entscheiden
Abschließend beschreibt Ruppnig sein Idealbild: „Die Übergabe gemeinsam mit fachlicher Begleitung abwickeln.“ Dazu ist es notwendig, Gesprächsbereitschaft zu entwickeln, Transparenz zuzulassen und sich gegenseitig Erwartungen mitzuteilen. Aber auch die Offenheit bereitstellen, sich extern begleiten zu lassen, bevor sich Fronten verhärten. Allen muss bewusst sein, was es bedeutet: „Ein Lebenswerk wird übergeben“ und „auch der Übernehmer wird einmal übergeben und dann vor der gleichen Problematik stehen“.